Kreativität unterstützen – Andreas Welskop im Gespräch

Im Vorfeld des Erfurter Zukunftsforums befragte die Thüringer Landesleitung (TLZ) Experten aus Wirtschaft, Kultur und Soziales. Mit dabei Andreas Welskop, der gemeinsam mit Clueso das Netzwerk Zughafen gründete.

Wo gibt es im kulturellen Bereich Nachholbedarf?

Grundsätzlich ist die Frage, die uns als Kulturschaffende beschäftigt: Wo wird Kultur ermöglicht? Damit meinen wir aber nicht die „Hochkultur“, sondern die junge, kreative, aufstrebende, freie Kultur. In Erfurt hat man in den letzten Jahren leider erleben müssen, dass diese Kultur keine besonders große Lobby hat. Immer wieder ist die Kultur-Szene an Grenzen gestoßen. Dies lag oft an unbeweglicher Politik und Verwaltung. Nur Versprechungen und Kulturpreise helfen da nicht.  Die Liste der Kulturspannungen ist lang: Brühler Garten, Heizwerk, Galerie 7a… Auch das jüngste Beispiel, die Defensionskaserne, zeigt, wie sich die Stadt zurzeit entscheidet. Auch wenn ich zugebe, dass das Konzept und die Vision des Kulturquartiers viele unkalkulierbare Risiken barg, war der Stadtrat nicht mutig genug, der Kultur eine Chance und vor allem einen wirklich exklusiven Ort zu geben. Dort wo Kultur entstehen soll, braucht es Raum. Raum in ganz praktischem Sinne, aber auch Raum in den Köpfen –  Beweglichkeit, Mut die Dinge auch einfach mal laufen zu lassen. Als wir vor mehr als zehn Jahren in den alten Güterbahnhof eingezogen sind, hatten wir nichts außer einer Vision. Kein Konzept, kein Geld und nur wenige Unterstützer. Inzwischen ist ein ganzes Netzwerk rund um den Zughafen gewachsen, das in ganz Deutschland anerkannt und einzigartig ist.

Was muss im Kulturbereich dringend angegangen werden?

Die Kultur braucht den angesprochenen Kulturraum. Dafür ist es wichtig, dass die Stadträte Kultur sehr ernst nehmen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass dieser Bereich etwas belächelt wird und aus Bequemlichkeit einer Museumskultur weichen muss. Das riesige Potential der sogenannten „Kreativwirtschaft“ wird dabei verkannt. Natürlich sind die Kassen knapp und Geld spielt auch bei der Kultur eine Rolle. Wenn aber eine grundsätzliche Bereitschaft der Stadt und der Verwaltung da ist, finden sich immer Mittel und Wege.

Welche Entscheidungen werden erhofft?

Die Stadt muss es schaffen, jungen Menschen, Künstlern und Kulturschaffenden Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Dafür gibt es viele Entscheidungen, die helfen würden. In Halle hat die Stadt es beispielsweise ermöglicht, schnell und unkompliziert Veranstaltungen bis zu einer Teilnehmerzahl von 500 Menschen zu organisieren. Bei Cluesos Spontankonzert, dass er letztes Jahr auf dem Petersberg in Erfurt gespielt hat, war zunächst alles entspannt. Im Nachhinein haben wir dennoch Post von der Stadt bekommen. Nicht mit einem Dankeschön für die einmalige und wunderbare Aktion des Künstlers, bei der er seine Musik zusammen mit Jüdischen- sowie Roma-Musikern interpretierte. Manch andere Stadt hätte sich sicherlich gefreut und alles dafür getan, dass solche Kultur gefördert und ermöglicht wird. Die Stadt verpasst es an dieser Stelle, Möglichkeiten und Geschenke zu nutzen. Sicherlich gehört dazu Engagement, das manchmal nicht zum Feierabend endet und Flexibilität, Innovation und Erfindungsreichtum – Worte, die wir aus der Wirtschaft kennen. Sie gehören auch in die Kultur und in die Verwaltung. Hier gibt es einige Namen in der Stadt, die das sowohl in Politik als auch Verwaltung vorleben, aber nicht genug.

Wo soll Erfurt in fünf Jahren nach der anstehenden Stadtratslegislaturperiode stehen?

Wir wünschen uns eine Stadt, in der sichtbar mehr Kultur gelebt wird. Eine Stadt, die Künstler und Kreative anlockt. Die Jugendlichen sollen nicht nach Leipzig, Berlin oder Hamburg ziehen, sondern aus den Städten nach Erfurt kommen und sich hier kreativ entfalten. Viele Gelegenheiten werden sich nicht mehr bieten. Erfurt verliert einen wichtigen Teil der Kultur, wenn jetzt nicht aktiv reagiert wird. Das bedeutet: Vereinfachen, ermöglichen, fördern. Die Kultur braucht positive politische Signale, auch in Bezug auf Stadtentwicklung und Lebensfreude – die Entscheidung gegen das Kulturquartier war kein solches Zeichen. Stattdessen wurde der einfache Weg gegangen – Sicherheit statt Mut. Bald haben wir wieder einen kulturellen Höhepunkt, der von dem lebt, was den Unterschied zwischen Verhinderung und Ermöglichung ausmacht, die Fête de la Musique – wir werden sehen…

 

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