Erfurter Zughafen will sich weiter zum Kulturbahnhof entwickeln

Foto: Frank Karmeyer

Erfurt. Als vor 15 Jahren Andie Welskop und Clueso die Vision hatten, aus einem leerstehenden Bahn- und Bürogebäude ein Künstlernetzwerk zu knüpfen, ahnten sie wohl nicht, dass sich dort heute 36 Mieter als Zughafen-Familie sehen. Textildesigner, Taschenproduzenten, Künstler wie Marc Jung, Lichtdesigner, Tontechniker und viele Kreative mehr finden sich unter dem Dach des ehemaligen Güterbahnhofs wieder.

Der Sänger und sein Manager gehen seit dem Clueso-Album „Neuanfang“ getrennte Wege. Ex-Manager Welskop, der die Gebäude von der Bahn gemietet und an die Kreativen weitervermietet hat, will nun auch aus Halle 6 etwas zaubern: „Sie ist ein ungeschliffener Diamant“, sagte er zur Mietervollversammlung, der am Donnerstag ein „Netzwerkertreffen“ folgte. Denn Ideen und Konzepte sind gefragt, um auch diese 800 Quadratmeter große Halle mit Leben zu füllen. Diesmal, so Welskop, wären vielleicht auch erstmals Fördermittel gefragt, um etwas auf die Beine zu stellen für ein neues Projekt.

Bislang sind er und der Zughafen ohne ausgekommen. Nun soll – dank frei gewordener Kapazitäten – ein neues Kapitel des Kultur- und Kreativnetzwerkes Zughafen aufgeschlagen werden. Helfen soll ein Verein, nicht alles könne von der Zughafen-Struktur finanziell getragen werden. Gegründet wurde der „Netzwerk Kulturbahnhof e.V.“. Zuvor müssten allerdings noch zwei Dinge geklärt werden, drängt Welskop: Das einstige Bahngelände müsse endlich umgewidmet werden, damit alles auf rechtlich sicheren Füßen steht. Und ein wiederum langfristiger Mietvertrag mit der Landesentwicklungsgesellschaft, die das fast 5000 Quadratmeter große Areal von der Bahn erwerben wird, müsse abgeschlossen werden. „Aktuell sitzen wir zwischen den Stühlen“, sagt der Zughafen-Chef.

Was in Halle 6 alles möglich ist – vom Videodreh über klassische und moderne Konzerte sowie Barbetrieb bis zur Kunstausstellung – wurde am Donnerstagabend schon einmal in Szene gesetzt. Nicht nur für die Gäste, sondern auch für einen Imagefilm, der das Projekt bewerben wird.

Karina Halbauer begleitet das Projekt, aus dem Zughafen einen öffentlichen Kulturbahnhof zu machen. Auf dem Weg dorthin soll es Zukunftsdialoge geben, bei denen ähnliche, bereits gelungene Projekte vorgestellt werden: wo und wie Brachen zu Kulturorten wurden. Am 1. April wird es einen Tag der offenen Tür im Zughafen geben mit einem Rückblick auf die letzten 15 Jahre, kündigt sie an. Im April wird auch ein neuer Nutzer in die Zughafen-Familie aufgenommen: eine „Heimathafen“-Brauerei wird eröffnet. Konzerte, Partys, Theater – all dies soll den Zughafen auch in der Wahrnehmung zurecht rücken. Denn räumlich gesehen liegt er nur unweit vom Zentrum der Stadt entfernt.

Ideen sind gefragt, was sich an der Adresse „Zum Güterbahnhof 20“ noch realisieren lässt. Ein Stadtstrand oder ein ausgedienter Zug als Hostel oder Gaststätte sind nur zwei Beispiele aus einem frühen Stadium der Ideensuche.

Ziel sei es auch, so Welskop, den Standort zu sichern. Als einen wichtigen Ort der Kultur- und Kreativbranche – und ihn nicht in die Hände von Investoren fallen zu lassen, die hier ein weiteres Kongresszentrum errichten könnten. Sehr wohl sehen die Akteure den Zughafen als Teil der neu entstehenden ICE-City, auch wenn deren Baukräne wohl erst in fünf bis zehn Jahren an das Güterbahngelände herangerückt sein werden.

Die Zeit gelte es zu nutzen, für den Fortbestand des Zughafen zu trommeln und politische Unterstützer zu finden. Andie Welskop ist sich sicher: Das Klima für die freie Kulturszene ist in Erfurt ganz gewiss noch verbesserungsfähig.

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